Alle Wege führen nach Salisbury
Das Datum und der Ort, an dem wir uns am ersten Abend in Salisbury treffen sollten, standen längst fest. Dennoch lag eine gewisse Spannung in der Luft: Würden es wirklich alle schaffen, pünktlich um 19 Uhr am Dienstag den 3. April, im „The Chapter House“ zu sein? Schließlich reisten wir nicht gemeinsam als eine Gruppe an. Diese Idee wurde zwar kurz in Betracht gezogen, aber wegen des großen organisatorischen Aufwands wieder verworfen.
Also begann jeder, die Reise selbst zu organisieren – allein oder in kleinen Gruppen, je nach individuellen Prioritäten wie Kosten, Umweltfreundlichkeit, Geschwindigkeit, Bequemlichkeit, Flexibilität oder auch dem Wunsch nach zusätzlichen Erlebnissen und Sehenswürdigkeiten. So entstanden ganz unterschiedliche Reisevarianten.
Wie bei einem großen Sternmarsch steuerten die Mitglieder des Jazzchors Stuttgart mit verschiedensten Verkehrsmitteln auf Salisbury zu. Einige Gruppen reisten mit dem Zug durch den Eurotunnel nach England, allerdings auf unterschiedlichen Routen, etwa über Paris oder Brüssel. Manche brachen früher auf und nutzten die Gelegenheit für Sightseeing in London oder Edinburgh oder besuchten die Familie in Brighton. Andere entschieden sich für die Anreise mit dem Auto und der Fähre, um ein kleines Abenteuer auf dem Meer zu erleben. Am schnellsten und wohl direktesten war die Anreise mit dem Flugzeug nach Southampton.
Alle trafen mehr oder weniger pünktlich ein und konnten einen leckeren und geselligen ersten Abend miteinander verbringen.
Wichtig ist nicht, wie man ankommt, sondern dass man zusammenkommt.
Joel
Harmonie unter englischer Sonne
Es ist Mittwochmorgen, unser erster gemeinsamer Tag in Salisbury. Die Sonne strahlt, 24 Grad sind gemeldet – also echtes englisches Wetter.
Oder so. Wir starten mit einer wunderschönen Joggingrunde im Grünen östlich von Salisbury in den Tag – besser geht’s kaum.
Als wir während des Frühstücks überlegen, wie wir unsere Zeit bis zur ersten Probe um 15 Uhr gestalten können, erreicht uns die Nachricht: die Tenöre starten um 11 Uhr zu einem Spaziergang nach Old Sarum. Perfekt – genau mein Programm!
Mit einer immer größer werdenden Gruppe schlendern wir los, plaudernd und gut gelaunt, entlang an Fluss und blühenden Gärten, über Rugby- und andere Felder. Ein Teil unserer Truppe ist lieber mit dem Auto dort hingefahren, aber in Old Sarum angekommen erkunden wir gemeinsam die Überreste dieser beeindruckenden Siedlung, in der schon vor 5000 Jahren Menschen gelebt haben sollen. Schließlich stehen wir barfuß im weichen Gras – und irgendwie ist klar: Dieser Ort möchte besungen werden.
Spontan singen wir los, frei und entspannt. Genau das ist das Jazzchor-Gefühl: jede*r darf sein, wie er oder sie ist – und am Ende entsteht doch diese besondere gemeinsame Harmonie.
Am Abend proben wir zum ersten Mal in der Medieval Hall. Nach über 20 Kilometern in den Beinen sind diese zwar ziemlich müde, aber ich stehe glücklich auf der Bühne und bin einfach nur stolz, Teil dieser Truppe zu sein.
Sabine L.
Schließsysteme
Joined rehearsal am Mittwoch, mit den Romsey Singers, Tango Sí! und Phil Lawson, Dirigier-Chef der Misa, zum ersten Mal kommen alle drei Ensembles zusammen. Die Stühle stehen brav geordnet in der historischen Medieval Hall, 13. Jahrhundert mit modernem Schließsystem (there is no key, it’s kind of a system, so der Besitzer John, 80). Alles klappt weitestgehend, das Konzert kann kommen. Danach in den Pub ums Eck, half a pint, die Woche wird lang und intensiv, da muss man sich zurückhalten. Schöner nächtlicher Spaziergang zurück zum Rose & Crown Hotel an der beleuchteten Cathedral vorbei. Doch das Hotel ist schon zu. Die an der Tür ausgewiesene Telefonnummer des Nachtportiers erweist sich als nicht existent. Und nun? Da taucht plötzlich ein Chormitglied von innen auf, gerade noch draußen bei uns. Stieg durch das offene Fenster in der Laundry ein. Der Portier kam dann auch noch. Auf seinem Handy war kein Anruf. Unser Chormitglied hat dann am nächsten Tag noch ein weiteres Fenster ausgecheckt, das kein Schloss hatte, schienbeinschonender. Haben wir dann aber nicht gebraucht, nicht mal, als wir fast im Cathedral Close eingeschlossen wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Christiane
No residents!
„Are you residents?“, fragt uns die nette ältere Dame, als wir es uns gerade in der einladenden Sitzgruppe gemütlich gemacht hatten. „No, we’re not.“, lautet die Antwort. „Is any of you a resident?“, fragt sie weiter. „Well, unfortunately not.“
Dann bittet sie uns zu gehen, denn die Sitzgruppe, die auf herrlich gepflegtem Rasen in einem weitläufigen Park mit Blick auf den Avon und eine dahinter grasende Schafherde steht, ist nur für die Anwohner des Cathedral Close vorgesehen. Eine Wohnanlage zwischen den Salisbury Watermeadows und der Kathedrale, deren Turm von überall aus zu sehen ist. Es sieht genauso aus, wie es klingt!
Nein, wir sind keine Anwohner, nur Sänger und Sängerinnen des Jazzchors, die auf den Beginn der Generalprobe in der Medieval Hall – oder liebevoll von uns „Mettigel Hall“ genannt – warten. Und da der Roman diesen schönen Platz in der Sonne entdeckt hatte, war er ruckzuck von uns anderen umringt. Die britische Lady kennt das sicher, dass sich frech irgendwelche Touristen auf ihrer Bank niederlassen, trotz des von uns glatt übersehenen Hinweisschildes: „Only for residents“. Da haben wir es wieder: wir sind hier nicht erwünscht – zumindest nicht auf dem Rasen. Dafür umso mehr in der Medieval Hall nebenan, wo unser Konzert am nächsten Abend uns und das Publikum sehr beglückte. Ob die Anwohnerin wohl auch gelauscht hat?
Mein Plan: ich komme in 20 Jahren wieder und werde ein Salisbury resident mit Anspruch auf die Sitzgruppe.
Mandy
Sperrstunde
In Großbritannien ticken die Uhren anders. Mal eben nach dem Auftritt abends noch ein Bier? Das klappt nur, wenn man sich zügig sich auf den Weg macht und ohne Umwege sofort die Theke ansteuert, sobald man den Pub betreten hat. Anderenfalls wird man gnadenlos abgewiesen, denn wenn um 22:30 Uhr die Glocke zur letzten Runde ertönt, muss man sich innerlich darauf gefasst machen, eine halbe Stunde später den Laden wieder zu verlassen.
Nach unserem Auftritt in der Medieval Hall ist der nächste Pub nicht all zu weit und wir geben dem Thekenpersonal und den wenigen anderen Gästen im „New Inn“ am Donnerstagabend noch ein kleines Exklusiv-Konzert.
Am Samstagabend, nachdem wir die Tango-Messe im rund 30 Kilometer entfernten Romsey gesungen haben, kommt unser Zug kurz vor 23 Uhr an und wir werden bei der ersten und zweiten Bar bereits an der Tür brüsk abgewiesen. In der dritten erhalten wir schließlich Einlass, aber als wir gerade die Theke erreichen, geht der Feueralarm los. Nach weiteren Fehlversuchen beginnen wir langsam, uns damit abzufinden, dass es wohl nicht so sein sollte. Heimwärts, auf dem Weg durch die Fußgängerzone, bemerken wir, dass noch Licht brennt in einem mexikanischen Restaurant. Durch die großen flächigen Schreiben ist der Tresen mit den Zapfhähnen gut erkennbar, also versuchen wir ein letztes Mal unser Glück. Eine Person wird vorausgeschickt um zu fragen, am Ende sind wir die einzigen Gäste. Als um kurz vor null Uhr die Musik ausgeht und wir gebeten werden, wieder zu gehen, verlassen wir den Laden rundum glücklich. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt.
Nils
Sagenhaft!
In Salisbury sein heiß auch: Eintauchen in uralte (Bau-) Geschichte. Zum Beispiel stecken in den Mauern und im Dachtragwerk der wunderbaren Medieval Hall, unserem Dreh- und Angelpunkt in Salisbury, sagenhafte rund 750 Jahre. Das tut der fantastischen Akustik jedoch keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Singen, Musizieren, Feiern – hier geht alles, in sehr besonderer Atmosphäre! Und wir waren sicher nicht die ersten, die im einstigen Bankettsaal der Deans of Salisbury Cathedral, der alten „Great Hall“ aus dem 13. Jahrhundert, himmlische Stunden verbrachten. Bei uns waren das die gemeinsame Probe mit den Romsey Singers für die Misa Tango. Einen Tag später brachten wir zusammen mit den Musikern von Tango Sí! bei unserem genialen Jazzchor-Konzert die Besucher (und wohl auch die alten Holzbalken) kräftig in Schwung, und zum Abschied von der Hall aus dem Mittelalter gab’s noch den warmherzigen Empfang der Sängerinnen und Sänger aus Romsey. Man könnte sich glatt ein Beispiel an dem betagten Gemäuer nehmen – uralt, aber erstaunlich jung geblieben.
Ingrid
Blick von oben
Die Idee entstand spontan während des Frühstücks: Kann man nicht auf den Turm der Salisbury Cathedral heraufsteigen? Wenige Minuten und einige Klicks später war klar, dass das im Rahmen einer geführten Tour möglich ist. Also die Tour mit einigen weiteren Klicks flugs gebucht. Merkwürdig: Als Tour-Dauer werden stolze 90 bis 105 Minuten angegeben – es kann doch nicht so lange dauern, einmal da hoch und wieder runter zu steigen.
Bei Ankunft in der Kathedrale wird dann klar: Wir sind die einzigen fünf Leute auf dieser Tour, es wird also eine Jazzchor-Exklusivtour! Nach der ersten Wendeltreppe erhalten wir einen Blick von oben in das Innere der riesigen Kathedrale – der erste Wow-Moment. Wie würde es sich anhören, wenn wir von dieser Position singen würden? Könnte man das am anderen Ende der Kathedrale überhaupt hören? Anschließend geht es auf weiteren, immer enger werdenden Wendeltreppen nach oben (das „mind your head“ unserer Führerin wird zum ständigen Begleiter), gelegentlich unterbrochen durch interessante Erklärungen zur Architektur der Kathedrale. Plötzlich läuten die Glocken – ja, die können sehr laut sein, wenn man unmittelbar daneben steht. Über weitere Wendeltreppen geht es ganz nach oben und hier endlich nach draußen auf drei verschiedene, extrem enge Balkone – wow, was für eine Aussicht! Wir sehen das Dach der Kathedrale, die Cathedral Close, die Stadt, unsere Wohnung, die Medieval Hall, in der wir gestern unser Konzert hatten. Den vierten Balkon können wir nicht betreten, da hier Turmfalken brüten – die können wir allerdings per Kamera beobachten.
Und dann geht es wieder auf dem selben Weg zurück. Laut unserer Führerin haben wir auf der Tour über 2 Kilometer zurückgelegt. Und ein Blick auf die Uhr verrät, dass wir tatsächlich über anderthalb Stunden unterwegs waren – aber die waren einmalig, beeindruckend, abwechslungsreich, interessant und haben sich echt gelohnt!
Eike
Fish ’n Church
Zwischen der gemeinsamen Abschlussprobe und dem abendlichen Auftritt in der ehrwürdigen Abbey United Reform Church in Romsey wollen die Mägen noch anständig gefüllt werden. Eine kleine Gruppe entscheidet sich für ein Fish ‘n Chips Geschäft in der Nähe. Einmal während des Englandtrips muss das einfach sein!
Der Laden besteht aus einer Bestelltheke und ein paar Stühlen und Stehplätzen zum Warten, bis das Essen zubereitet ist. Ein Verzehr vor Ort ist nicht vorgesehen.
Folglich stellt sich die Frage, wo wir den Festschmaus zu uns nehmen sollen. Draußen pfeift ein kühler Wind und die Sonne sinkt schon langsam hinter die Häuser. Zurück in die Abbey? Hm… geht das denn, Fish and Chips in der Kirche? Aber siehe da, ein paar unserer englischen Chorsängerinnen hatten bereits dieselbe Idee gehabt und die Kirche durchweht schon ein dezenter Bratgeruch.
Also genießen auch wir unser Abendessen zwischen den Kirchenbänken – für die meisten von uns vermutlich der erste Pommeskonsum in einem Gotteshaus. Die landestypisch mit Essig beträufelten Chips und vor allem die Fischpanade triefen nur so vor Fett. Aber ja doch, genau so muss es sein, meint der Basskollege zufrieden. Und die Grundlage für ein wunderbares Konzert ist damit gelegt.
BB
Ein Chor geht nach Hause
Es war ein toller Abend, ein gelungenes Konzert und noch viel schöner: danach saßen wir zusammen im Pub und haben noch weiter gesungen. Die Bedienung hinter der Bar hat gefilmt – so oft scheint das also nicht zu passieren. Aber dann schlägt die Sperrstunde uns da letzte Stündchen und wir müssen den Pub verlassen.
Aber das ist noch lange kein Grund, mit dem Singen aufzuhören. Wunderbar passend wird „That lonesome Road“ angestimmt und alle stimmen mit ein. Wir laufen auf die nächste Strassenecke zu, an der auch gerade die Menschen aus einem anderen Pub auf die Strasse entlassen wurden. Sie staunen nicht schlecht über den unverhofften Gesang.
An dieser Strassenecke trennen sich die Wege des Chors und wie selbstverständlich laufen zwei Gruppen in entgegengesetzte Richtungen weiter ohne den Gesang zu stoppen. Jetzt schütteln endgültig alle Leute vor dem Pub die Köpfe und können es kaum glauben. Aber so ist es eben, wenn der Jazzchor nach Hause geht – es wird gesungen bis zum letzten Meter!
Christine
British people are very shy … ?
Die Spannung steigt in der Medieval Hall… unser erstes Konzert in Salisbury zusammen mit Tango Sí! steht an. Draußen strahlt die Sonne vom Himmel, es ist sommerlich warm, in den alten Gemäuern ist es kühl und trotzdem flirrt die Luft.
Wie wird das Konzert werden? Kommen überhaupt Gäste? Und wie wird das Publikum auf unser Programm reagieren? Nach der Vorwarnung „British people are very shy“ sind wir gespannt.
Noch 30 Minuten bis zum Konzert … kurzerhand wird die Empore zur Garderobe umgebaut. Aber wohin bevor das Konzert beginnt? Im Mittelalter wurde wohl noch kein Backstage-Raum geplant.
Schließlich sitzen wir – nach Farben sortiert – links und rechts des Publikums und sehen zu unserer Freude: die Plätze füllen sich. Nach einem kurzen „Energie-Kreis“ im doch noch ganz schön kühlen englischen Frühlingswind vor der Hall geht’s los. Licht aus, Spot an.
Wir singen und haben einfach nur eine riesige Freude und großen Spaß. Und stellen fest: Jazzchor Stuttgart und Tango Sí! ist die perfekte Kombi.
Und das Publikum? Da wird kräftig mitgeschnipst, geklatscht und sogar beim call and response Scat- Gesang bleibt es nicht ruhig im Publikum. Spätestens als die ganze Medieval-Hall zu den Tango Sí! Klängen von Corazon de oro mitträllert und schunkelt sind zwei Dinge ganz klar: das war nicht das letzte gemeinsame Konzert des Jazzchor Stuttgart mit Tango Sí! und … British people are NOT shy!
Esther
Threema
Ohne den Jazzchor hätte ich wahrscheinlich bis heute kein privates Smartphone. Doch inzwischen geht ein Großteil der Chormmunikation über Chats in Threema, so dass ich mich irgendwann abgehängt fühlte. Wie sinnvoll die Investition in das Mobilfunktgerät war, zeigte sich in Gänze während unserer Konzertreise nach Salisbury. Schon allein die Nachrichten am 7. April, dem Hauptanreisetag waren genial zu lesen bzw. durch zahlreiche Bilder stieg die Vorfreude ins unermessliche. Und auf der Fahrt hat man ja auch viel Zeit dafür. Insgesamt 110 Messages liefen an diesem Tag über die Bildschirme!!! Doch damit nicht genug. In Salisbury gingen bereits am Morgen Programmvorschläge für den Tag ein. So ging es jeweils in kleinen oder größeren, täglich wechselnden Grüppchen auf Entdeckungsreise – von der jeweils natürlich auch zahlreiche Eindrücke wiederum über Threema versandt wurden. So wusste immer jeder, was er gerade an anderer Stelle versäumte! Blauer Himmel, strahlende Gesichter und reich gedeckte Frühstückstische sind zusehen. Aber natürlich auch Sehenswürdigkeiten, Konzertoutfits, Fish & Chips und manches mehr. Und noch heute freue ich mich über den bunten, spassigen Chatverlauf!!!
Thomas
Eingeborene
Meine Kinder wurden in den Chor hineingeboren und sind somit Eingeborene. Ich war schon zwei Jahre im Chor als meine Tochter auf die Welt kam und noch länger bei der Geburt meines Sohns. Ab etwa Woche acht habe ich beide Kinder im Tuch mit zur Probe genommen und das beibehalten bis sie über ein Jahr alt waren. Wir wohnen zum Glück ganz nah bei unserem Probenzentrum und es hat mir Ruhe gegeben, dass ich wusste, dass ich jederzeit hin und her wechseln kann. Sie waren bei fast allen Veranstaltungen, sehr vielen Proben und auch bei sehr vielen Probenwochenenden dabei. Die anderen Chormitglieder kümmern sich ebenfalls rührend um sie und die beiden kennen beinahe das ganze Repertoire.
Inzwischen sind die Kinder 13 und 8 Jahre alt und beim letzten Probenwochenende haben sie ohne mein Zureden ihre Verabredungen abgesagt um dabei sein zu können. Selbstredend, dass sie mit nach England gefahren sind – weil sie einfach dazugehören und dazugehören wollen. Sie haben voller Geduld und guter Laune in Kirchenbänken gesessen, ab und an mitgeschmettert, haben mit uns die Magna Carta (a.k.a. Manga Card) und Stonehenge bestaunt, und mit großer Freude Fish n’ Chips gegessen.
Und ich? Habe zwar den Pubgesang ausgelassen, aber dennoch nach dem ein oder anderen langen Probenabend mehr das eine als das andere Kind auf dem Rücken heimgetragen, war stolz auf meine tollen Kinder und glücklich über meine Zugehörigkeit zu dieser offenherzigen Gesangs-Bande.
Hannah
Stille
Das Meer ist eigentlich nicht weit entfernt, ich schaue, ob ein Ausflug mit dem Zug an einem probefreien Vormittag machbar wäre, die Zeit ist aber knapp, und die mit dem Zug erreichbaren Ziele nicht besonders schön. Beim Absacker in der WG-Küche nach dem üblichen singvollen Kneipenabend höre ich plötzlich die Fetzen „Morgen früh – Meer – mit dem Auto“. Ich freue mich wie Bolle!
Gleich am nächsten Morgen geht’s früh los, am Steuer die UK-fahrsichere Sopranistin, die links wirklich mit links fährt, da wo es mir schon beim ersten Kreisverkehr übel wird. In Weymouth angekommen, finden wir gleich am Strand einen kleinen Kiosk mit einem perfekten schnellen Frühstück, in der Ferne sieht man ein Riesenrad, hinter uns schauen Gebäude aus anderen Zeiten zu. Barfuß im kalten Wasser laufen wir zurück zum Parkplatz und fahren dann weiter bis zum Startpunkt eines Wanderweges, auf den Klippen der Jurassic Coast. Eine wunderschöne Wanderung zwischen den grünen duftenden Wiesen, manche von uns unterhalten sich, andere genießen allein die Weite, alle bleiben immer wieder stehen, um die Landschaft zu genießen – also die für den Chor übliche Harmonie aus verschiedenen Stimmlagen.
Dann plötzlich sehen wir auf unserem Weg … Kühe? Stiere? Als Großstadtmensch bin ich da leicht überfordert. Sie sind dunkelbraun, nicht groß, zwei von denen stehen mitten auf dem Weg, eins hat einen schönen, herzförmigen, weißen Fleck auf der Stirn. Mh, ein Bass trägt einen knallroten Jazzchorpulli … schon sehe ich ihn in meinem Kopf durch die weite Wiese rennen, aber nein, die Tiere sind so sanftmütig, dass sie sich sogar streicheln lassen. Unversehrt laufen wir also weiter, und kurz darauf erreichen wir die Landspitze White Nothe. Wir legen uns auf die Wiese mit Blick auf die weißen Klippen und hören: die absolute Stille. Selbst für einen Jazzchor ein großartiges Erlebnis.
Josefa
Verzaubernde Steine
Den Jazzchor Stuttgart gibt es seit 20 Jahren, also bereits sehr lange.
Noch länger gibt es die mysteriösen Steinmonumente von Stonehenge, nämlich schätzungsweise 5000 Jahre. Warum genau die riesigen Steinquader hier kreisförmig angeordnet und übereinandergestapelt wurden, weiß niemand so richtig. Ebenfalls sehr wunderlich ist bisweilen das Verhalten der Besucher*innen dieses mystischen Orts. Da stehen in einigem Abstand die Sänger*innen des Jazzchors und machen Selfies mit Stonehenge im Hintergrund während sie sich die Arme und Hände auf eine bestimmte Weise verrenken. Ein paar Meter weiter springen viele Jazzchorist@s in seltsamen Posen in die Höhe, immer wieder. Wurden sie verzaubert und gebannt? Zahlreiche Tafeln mit Selfie-Challenges ermuntern die Gäste von Stonhenge, sich nicht allein an der einen Stelle zu drängen, an der man den Steinen möglichst nah kommt, sondern auf der Wandelrunde die Anlage auch aus etwas mehr Entfernung zu bestaunen.
Diesen geschickten Plan durchkreuzt an diesem Tag allerdings die Einsame Gertrude, eine herbeigeflogene Vogeldame von imposanter Erscheinung. Die sehr fotogene Großtrappe stolziert nur Zentimeter vor den zahlreichen Kameras auf und ab und belebt das Motiv der bezaubernden Steine. Den Jazzchor kann man derweil dabei beobachten, wie er sich für ein Foto in Stonhenge-Formation aufstellt und dann fröhlich singend und pfeifend den Rückweg antritt – es ist Zeit, wieder mit den anderen in der Medieval Hall in Salisbury zusammen zu kommen.
Laura
Salisbury Cathedral. Guter Gesprächsstoff.
Nicht nur weil man sie von überall aus sehen kann und deshalb die Verführung, eine Besichtigung zu machen, ständig in der Luft liegt. Besonders heikel für den Jazzchor Stuttgart: Der Multifunktionsraum Medieval Hall – Proberaum, Konzertsaal und Dinnerparty-Location – liegt direkt um die Ecke. Soll man jetzt eine Besichtigung machen oder nicht? Das bleibt wie so oft jeder und jedem selbst überlassen.
Wen Architektur, urige Geschichten und eine Magna Carta im Auslieferungszustand anlocken, wird es nicht bereuen. Wer sich den Eintritt sparen und auf die uneingeschränkt empfohlene Führung verzichten möchte: Mo–Sa um 17:30 Uhr gibt es den Choral Evensong. Wer im Chor beiwohnen möchte, sollte nicht erst auf den letzten Drücker eintrudeln.
Roman
Klang von allen Seiten
Der Samstagabend in der Abbey United Reformed Church in Romsey hatte alles, was man sich wünschen kann: ein begeistertes Publikum, großartige Mitwirkende – und eine Aufstellung, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Gemeinsam mit den Romsey Singers und Tango Sí! brachte der Jazzchor Stuttgart die „Misa a Buenos Aires“ von Martín Palmeri auf die Bühne – dirigiert von Philip Lawson, der das 40-minütige Stück mit sichtbarer Freude und Präzision zusammenhielt.
Schon beim Aufbau wurde klar: Das wird spannend. Die Empore war… sagen wir mal… gemütlich. Also durften Sopran und Alt nach oben ausweichen, während wir Tenöre zusammen mit den Bässen unten auf einer kleinen Bühne Platz nahmen. Vor uns die Streicher und das Bandoneon, seitlich Klavier und Kontrabass – und plötzlich fanden wir uns in einer Art musikalischem Sandwich wieder.
Und ich muss sagen: Ich hatte vermutlich den besten Platz im ganzen Raum. Direkt neben mir Klavier und Kontrabass, die zuverlässig den Groove lieferten. Auf der anderen Seite die Bässe, kraftvoll und erdend. Vor uns die Streicher mit ihren herrlich weichen Klangflächen. Und hinter uns die Soprane, die ihre Höhenlinien so mühelos über unsere Köpfe legten, dass man sich kurz fragte, ob irgendwo nicht doch ein Engelchor versteckt ist.
Kurz gesagt: Dolby Surround auf Chorniveau. Mittendrin statt nur dabei.
Es war ein Klangbad, welches man nicht so schnell vergisst. Noch jetzt, wenn ich daran zurückdenke, bekomme ich Gänsehaut. Diese Mischung aus Messe und Tango, aus Ernst und Rhythmus, klingt immer noch nach und hinterlässt ein Gefühl tiefer Zufriedenheit.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die dieses besondere Erlebnis möglich gemacht haben.
Sten
Zum Glück hat jemand rechtzeitig auf „Aufnahme“ gedrückt. Hier gibt’s das Ganze zum Nachhören und Nachfühlen:














